Rede der Demonstration (Samstag, den 6. März 2010)

Bonjour à toutes et à tous, Gruessech mitenand, Buongiorno a tutti, As-Salaamu 'Aleikum

Danke, dass Sie alle unserem Aufruf Folge geleistet haben.

Danke, dass Sie mit uns hier in Bern sind.

Wir sind hier am Helvetiaplatz, weil wir leider keine Erlaubnis erhalten haben um vor der libyschen Botschaft zu demonstrieren. Nur eine Gruppe von 5 Personen wird sich dorthin begeben. Diese Einschränkung ist durch die besonderen Beziehungen zwischen Libyen und der Schweiz bedingt und wir danken für Ihr Verständnis.

Wir befinden uns hier auf dem Platz, dessen Name das Symbol unseres Landes darstellt. Dies versinnbildlicht auch unsere Zuneigung zur Schweiz, zu ihren demokratischen Werten… denn wir glauben in einen starken demokratischen Staat und unser Wunsch ist es, eine nationale Einheit zu zeigen.

Für uns Staatsbürgerinnen und -bürger der Schweiz von muslimischer Kultur und Religion und als muslimische Bürgerinnen und Bürger wohnhaft in der Schweiz, ist es ein grundsätzliches Bürgerrecht, zu den Äusserungen von Muammar Kadhafi zu reagieren und dies vor allem nach dem 29. November 2009. Unsere Demonstration will sich als eine symbolische Aktion, denn der Aufruf von Herrn Kadhafi zum Djihad ist dermassen stark, dass er nach einer Reaktion schreit.

Wir reagieren als Bürgerinnen und Bürger der Schweiz.

Wir rufen laut: "Fass mein Land nicht an'!".

Weil:

Wir lehnen jegliche Massnahmen gegen unser Land ab; heute wie auch in Zukunft weigern wir uns gegen die Instrumentalisierung der Religion und des Islams, mit dem Willen die Muslime von hier und dort gegen unser Land und unsere Mitbürger aufzuhetzen.

Wir wehren uns gegen jeglichen Versuch unser Land, die Schweiz, aus dem Gleichgewicht zu bringen, weil wir mit unseren Mitbürgern solidarisch sind, mit denen wir trotz unserer Unterschiede immer gleichberechtigt leben können.

Wir weigern uns zum Spielball in Wahlkämpfen oder zu strategischen Zwecken in internationalen Machtkämpfen missbraucht zu werden.

Weiters verweigern wir jegliche Art von Einmischung in Belange, die die Schweiz und die Schweizer betreffen, vor allem wenn sie von einer Diktatur kommt. Unsere Probleme lösen wir mit demokratischen Mitteln, denn wir glauben fest an unseren Rechtsstaat und seine Möglichkeiten.

Der Aufruf zum Djihad oder Boykott, oder andere Einmischungen von aussen, lehnen wir auf das Heftigste ab. Durch die Äusserungen von Herrn Kadhafi in denen er uns muslimische Bürgerinnen und Bürger der Schweiz als Ungläubige, als Verkaufte, oder als schlechte Gläubige bezeichnet, fügt er uns direkten Schaden zu. Wir möchten ihn daran erinnern, dass die Schweiz ein Land ist das die Religionsfreiheit aller seiner Bürger garantiert und somit auch seiner muslimischen Einwohner.

Wir möchten die Welt daran erinnern, dass wir, Schweizer Bürger muslimischen Glaubens und muslimischer Kultur, und wir, die in der Schweiz wohnhaften Muslime, den Rechtsstaat in dem wir leben, schätzen und auch die Möglichkeiten die er bietet, um Probleme auf eine demokratische und legale Art und Weise zu regeln.

Auch unterstützen wir bedingungslos und solidarisch sämtliche Geiseln und fordern die sofortige Freilassung unseres Mitbürgers Max Göldi.

Gewisse Medien veröffentlichen nur extremistische, religiöse Attentate um ein negatives Bild vom Islam zu zeigen. Obwohl diese Aktionen eine Minorität darstellen, ziehen sie viel Aufmerksamkeit auf sich und sind daher sehr medienwirksam.

Heute wollen wir ein anders Bild der Schweizer Bürgerinnen und Bürger muslimischen Glaubens und muslimischer Kultur zeigen, eine Bevölkerung, die sich in der Schweiz wohl fühlt und die den Rechtsstaat in dem sie leben schätzt.

Das Ziel dieser Demonstration ist es auch, Zeichen zu setzen, für den Frieden, für die Offenheit, für das Entdecken des Anderen und um Ängste abbauen zu können, die aus der Unwissenheit entstehen. Ein Aufruf der auch an die Jugend geht, um sie auf die Unterschiede anzusprechen…

Kadhafi ist nicht der Erste, der sich in die Diskussion um die Minarette einmischt; zu diesem Wahlergebnis haben wir die Glückwünsche aller europäischen rechts-extremen Gruppierungen erhalten. Niemand hat gezögert die Gelegenheit wahrzunehmen, um sich in die Familien-angelegenheiten dieser schönen, strahlenden Frau Helvetia einzumischen.

Wir weisen den Aufruf Kadhafis zum Djihad zurück, sowie jegliche Einmischung von Seiten einer Diktatur.

Wir verurteilen alle Formen von Religions- oder Rassenhass, sowie jegliche Stigmatisierung aufgrund von religiösen, kulturellen oder hautfarbbedingten Unterschieden.

Wir sind alle Kinder dieser Dame Helvetia, die uns aufgenommen hat, mit unseren Unterschieden, unseren Problemen des Zusammenlebens, die sich durch Diskussionen, gegenseitigem Entgegenkommen oder auf demokratischem Wege regeln lassen. Dieselbe weigert sich, dass eines ihrer Kinder aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Religionsbekenntnisses aus dem Familienkreise ausgeschlossen wird.

Frau Helvetias Familie ist ein Regenbogen in einem demokratischen Garten, mit seinen unbeugsamen Bergen, die die menschlichen, universellen Werte sehr hoch halten.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir sind nicht irgendeine obskure Kraft, sondern wir lieben unser starkes solides Land mit stolz erhobenem Haupt. Der 29. November war ein Versuch unser Land von innen her zu schwächen, es in zwei Teile zu spalten; in einen rückschrittlichen, düsteren Teil - die Muslime, und in einen freien, demokratischen und hellen Teil, der Rest, die anderen Mitbürger.

Man hat versucht uns gegeneinander auszuspielen:

  • mit Politikern, die nicht zu ihrer geschichtlichen Verantwortung gestanden sind;
  • mit einer Bundesregierung, die sich nicht die Zeit genommen hat zu warnen, dass das aktuelle Geschehen schwerwiegende Auswirkungen haben kann und weder von ihrem Einfluss Gebrauch gemacht hat, um ihre Position klar darzustellen, noch von ihrem Recht, diese Initiative zurückzuziehen;
  • mit politischen Bewegungen, die Nein zur Initiativen sagten, aber Ja zu einem Problem mit den Moslems;
  • mit den populistischen Parteien und ihren Anhängern.

Heute rufen wir unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger auf, sich nicht mehr von den Sprüchen einer skrupellosen Machtpolitik gemäss dem Motto Machiavellis "teile um besser zu herrschen" beeinflussen und auf wahlstrategische Weise bevormunden zu lassen.

Wir erinnern Sie, dass diese Bürgerbewegung seinen Schwerpunkt auf einen Bestandteil des Islams setzt, welches ein vertrauenswürdiger und loyaler Bestandteil ist auf den wir jederzeit zählen können.

Unser Land wird im arabischen Raum als Paradies der Freiheitsrechte und der Religionsfreiheit angesehen. Wir sind heute wie eine Kämpferkuh aus dem Val d’Hérens, lebhaft und sehr aufgezogen, die sich weigert sich aus dem Kampf, dem Kampf um die Staatsbürgerschaft, zurückzuziehen! Ein loyaler Kampf!… Und wie in jedem Sportkampf, verweigern wir jede Art von Doping oder Manipulation.

Wir möchten den 40% der Bürgerinnen und Bürgern, sowie den Städten und Kantonen, die auf demokratischem Wege gegen die Anti-Minarett Initiative gestimmt haben, ein Zeichen setzen, denn sie haben mit ihren Stimmen für die Stabilität unseres Landes gestimmt. Um das Gleichgewicht unseres Rechtsstaates garantieren zu können, schliessen wir vor allen faschistischen, neo-nazistischen und diktatorischen Einmischungen von Aussen entschlossen die Türe.

Wir sind stolz Schweizer zu sein!

Wir sind überzeugt, dass am 29. November unsere Mitbürger die falsche Zielscheibe und Gegner gewählt haben; unsere Gegner sind die, die unser Land schwächen und das in einer Zeit in der es einem grossen Druck von Aussen ausgesetzt ist. Unsere Gegner sind die, die unsere Mitbürger mit politischen Abkürzungen und djihadistischen Ideen in Geiselhaft nehmen.

Wir sind ein Baustein dieser Nation, aus einem zwar synthetischen und vielfältigen Material, aber sehr vertrauenswürdig. Unsere Loyalität ist bedingungslos und wir glauben an die Werte der bürgerlichen Aktionen und der Demokratie.

Wir sprechen ab heute von Beitritt zu gemeinsamen Werten, die uns garantieren, mit unseren Unterschieden gleichberechtigt zusammenleben zu können, im Rahmen einer Verfassung, und dies, ohne jegliche Diskriminierung.

Mit unserer Unterstützung und Loyalität möchten wir unserem Land Vertrauen schenken. Unser Land braucht uns, um gegen den Druck von Aussen standhalten zu können.

Ein starker demokratischer Staat, mit dem sich alle Bürger (Frauen sowie Männer) identifizieren, ist Träger einer universellen Nachricht; dies ist Tradition in unserem Land, dank nationaler und internationaler Institutionen, wie das IKRK, der Rat der Menschenrechte oder die Konventionen von Genf, denen wieder ein angemessener Platz als Wahrzeichen unseres Landes gewährt werden muss.

Wollen wir nicht hier und heute den Grundstein setzen für unsere gemeinsamen Werte, egal welcher politischen Orientierung wir angehören und zeigen, dass der Islam und die Muslime der Schweiz sich weigern von diversen Kräften als das schwache Element gebraucht zu werden, um die Schweiz zu schwächen.

Wir möchten, dass diese Demonstration eine Grundsteinlegung ist für einen neuen Bürgerpakt. Ein Pakt des Dialogs zwischen muslimischen Schweizern und nicht-muslimischen Mitbürgern.

Mit dieser Bürgerbewegung wollen wir unsere Verantwortung übernehmen, zu einem für unser Land geschichtlich wichtigen Zeitpunkt, wo von allen Seiten Drohungen eintreffen. Heute, wie gestern, wie auch in Zukunft, wehren wir uns gegen jeglichen Versuch der Destabilisierung unseres Landes.

Es lebe die bürgerliche, demokratische, regenbogenfarbige Schweiz, die Träger von menschenrechtlichen Werten ist, die sich für Freiheiten einsetzt und sich gegenüber allen Ihren Bürgerinnen und Bürgern gerecht verhält!

Unser Käsefondue hat am 29. November nicht geglückt, sicher weil die Mischung nicht genügend ausgewogen war. Ich glaube, es war nicht die Schuld des Käses, noch des Käsers, sondern der Wille derer, die es zubereitet haben, weil sie vergessen haben ein wenig Maizena hinzuzufügen, eine für ihr Gelingen äusserst wichtige Zutat.

Diese Kämpferkuh aus dem Val d’Hérens hat sich heute mobilisiert, ist in den Kampf eingestiegen und bittet Sie nun, diesen Platz vor 16 Uhr zu verlassen, mit erhobenem Kopf und straffem Körper, um in ihre schönen Berge zurückzukehren, Symbol des Stolzes unseres Landes gegenüber allen äusseren Drohungen.

Wir Muslime müssen uns nun heute nochmals an diesen letzten Satz erinnern: Nein zum Djihad gegen unser Land, nein gegen die Instrumentalisierung der Muslime oder des Islams der Schweiz, nein zum Boykott, denn die Schweiz ist unser Land, ein Rechtsstaat.

Zum Schluss möchte ich ein letztes Prinzip erwähnen:

Die Kulturen haben 3 Bestimmungen:

  • im Konflikt leben zeugt Völkermorde,
  • in Konkurrenz leben erzeugt die Apartheid,
  • zusammen leben, und jeder von uns wird zu einem Plus… und diese letzte Bestimmung kann nicht existieren ohne einen wahren, politischen Willen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!